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Menschen zu führen, ist mehr Kunst als Wissenschaft

26.07.2018

Alles, was einen Anfang hat, hat auch ein Ende. Im Geist dieses Spruchs hält Pater Emeka Nzeadibe Rückblick auf seine zwei Amtszeiten als Provinzial der Spiritanerprovinz Europa. Im Interview mit dem Kontinente-redakteur Pater Samuel Mgbecheta gewährt er Einblick in das, was ihm gelungen ist und was ihm Schwierigkeiten bereitet hat.

P. Emeka Nzeadibe CSSp

"Da ich weder gesucht noch danach gestrebt habe, Provinzial zu werden, habe ich meinen Dienst im Lichte des Vertrauens verstanden, das mir zweimal geschenkt wurde." P. Emeka Nzeadibe

Pater Samuel: Was ist die Aufgabe des Provinzials der Provinz Europa?

Pater Emeka: Die Aufgabe des Provinzials ist vielfältig. Mir ist nach und nach bewusst geworden, was alles dazu gehört. Der Provinzial ist Leiter einer Ordensprovinz. Der Provinzrat steht ihm zur Seite und unterstützt ihn. Er denkt mit und trifft Entscheidungen. Mit seinem Rat sorgt der Provinzial für die Einheit in der Provinz und für das Wohlergehen der ihm anvertrauten Menschen. Sein Dienst ist ein Dienst an den Mitbrüdern, aber auch an denjenigen, die zur Spiritanerfamile gehören, etwa Laienspiritaner, Assoziierte und diejenigen, die uns eng verbunden sind. Der Provinzial hat eine repräsentative Funktion. Er vertritt den Orden nach außen. Er führt Verhandlungen mit staatlichen und kirchlichen Stellen.

Pater Samuel: Wie würdest du deinen Dienst nach sechs Jahren zusammenfassen?

Pater Emeka: Mit dem Gefühl großer Dankbarkeit blicke ich auf meine zwei Amtszeiten zurück, da wir nützlich und verfügbar für die Spiritanermission in Europa sein konnten. Mein Vorgänger, Pater Dick Olin, hat als erster Superior des Ordensbezirks Europa den Grundstein gelegt. Wir haben darauf aufgebaut und neue und entscheidende Impulse gesetzt.

Provinzrat

Provinzleitung: (v.l.n.r.) Bruder Christian Roberti, Regionaloberer Belgien, Pater Martin Van Moorsel, Provinzial Niederlande, Pater Emeka Nzeadibe, Provinzial Provinz Europa, Pater Albert Perrier, Sekretär, Theo Naus, Ökonom Provinz Europa, und Pater Innocent Izunwanne, Regionaloberer Deutschland.

Pater Samuel: Was ist dir gelungen?

Pater Emeka: Die missionarische Animation ist dieRaison d’être, der Daseinszweck der Provinz Europa, nämlich dem Leben und der Mission der Spiritaner in Europa neuen Atem zu geben. Das bedeutet, Initiativen zu starten, die Mut machen und es wagen, neue pastorale Wege zu beschreiten. Es ist der Provinz gelungen, einiges in Bewegung zu setzen, sowohl in der belgischen wie in der deutschen Region. In Belgien etwa sind in den letzten sechs Jahren fünf missionarische Projekte entstanden. Die Präsenz der Spiritaner im sozialen Brennpunkt Brüssel-Molenbeek ist ein starkes Zeugnis. Die Mitbrüder, die dort arbeiten, sind engagiert im interreligiösen Dialog, besonders mit den Muslimen. Eine Gruppe von zehn Frauen der Pfarrei Johannes der Täufer in Brüssel-Molenbeek hat sich uns angeschlossen als Laienspiritanerinnen. Diese Frauen, die „Apostolischen Mütter“, unterstützen und begleiten unsere Arbeit. In Deutschland ist eine neue Gemeinschaft mit der damit verbundenen Übernahme einer Pastoraleinheit in Weissach bei Stuttgart entstanden. Die fünf missionarischen Projekte in Deutschland werden weitergeführt. Diese sind: das Projekt Missionar auf Zeit (MAZ), die Notschlafstelle für Drogenabhängige (NOTEL), die Seelsorge an der Basilika in Knechtsteden, Seelsorge am Heilig-Geist-Gymnasium und bei der englischsprachigen Gemeinde in Würselen-Broich sowie die Gemeindepastoral in Rostock. Die Präsenz im Erzbistum Hamburg ist durch eine zweite Niederlassung erweitert worden. Es ist uns auch gelungen, eine dreisprachige Webseite, entsprechend der Sprachen der Provinz (Deutsch, Französisch und Niederländisch) zu errichten. Die Webseite ist eine wichtige Plattform für Informationen wie für den Austausch und die Evangelisierung. Dank des Einsatzes jüngerer Mitbrüder erlebt die spiritanische Präsenz einen neuen Frühling. Ein Drittel der Mitbrüder in der Provinz kommt aus anderen Ländern: Frankreich, Polen, Nigeria, Tansania, Kenia, Kamerun, Kongo-Brazzaville, Demokratische Republik Kongo, Senegal, Ghana und Uganda. Die Internationalität ist eine gelebte Wirklichkeit in unserer Provinz und sie bringt manche Herausforderung mit sich. Sie ist aber vor allem eine Chance, weil spiritanisches Leben und spiritanische Mission in den Regionen unserer Provinz mit neuen Impulsen und Initiativen versehen werden.

Pater Samuel: Mit welchen Schwierigkeiten und Herausforderungen warst du konfrontiert?

Pater Emeka: Die jüngeren Mitbrüder der beiden Regionen treffen sich regelmäßig und reflektieren miteinander. Die älteren Mitbrüder dagegen haben kaum Kontakt miteinander. Ereignisse in der einen Region werden zwar in der anderen wahrgenommen, sie werden aber betrachtet als etwas, das in der Ferne stattfindet. Aus diesen und anderen Gründen meinen einige, dass man wieder zur früheren Struktur mit zwei Provinzen zurückkehren soll. Darüber hinaus scheint bei einigen die Wahrnehmung stark zu sein, dass durch die Gründung der Provinz Europa zumindest in Deutschland keine Arbeit eingespart wurde. Man meint, Strukturen seien verdoppelt statt vereinfacht worden. Dieser Eindruck soll beim Erweiterten Rat untersucht werden, um sich über die Konsequenzen zu verständigen. Vor allem muss am Zusammengehörigkeitsgefühl der Regionen gearbeitet werden. Es muss wachsen und erfahrbar werden.

Spiritaner der Provinz Europa treffen sich im Kloster Knechtsteden.

Junge Mitbrüder mit dem Provinzial (links) während eines Treffens in Knechtsteden.

Pater Samuel: Was bespricht der Erweiterte Rat?

Pater Emeka: Der Erweiterte Rat ist eine Ordensversammlung, die zwischen zwei Provinzkapiteln stattfindet. Dabei werden die Beschlüsse des Provinzkapitels unter die Lupe genommen und ausgewertet. Ein Rat hat nicht den gleichen Status wie ein Provinzkapitel. Er kann Empfehlungen aussprechen. Die Delegierten des Rates haben beratende Stimme. Nur ein Kapitel kann rechtskräftige Beschlüsse fassen. Bei unserem diesjährigen Erweiterten Rat im November werden ein neuer Provinzial und ein neuer Provinzrat gewählt. Das Thema lautet: Einheit, Verschiedenheit und Communio im Dienst der einen Spiritanermission. Dieses Thema unterstreicht, dass unsere Provinz am Scheideweg steht. Wir müssen uns unbequeme Fragen stellen: Wo stehen wir gerade? Wer sind wir? Wofür stehen wir? Wo wollen wir hin?

Pater Samuel: Welche Erkenntnisse hast du bei der Begleitung deiner Mitbrüder gewonnen?

Pater Emeka: Der Dienst des Provinzials hat mich herausgefordert, aber mir auch einen Weitblick auf Menschen verliehen. Mir ist bewusst geworden, dass der gute Wille allein nicht ausreicht, um Gutes zu tun. Im Umgang mit Menschen sind diplomatisches Geschick, Fingerspitzengefühl und Empathie gefragt. Menschen zu führen, ist mehr Kunst als Wissenschaft. Begegnung auf Augenhöhe, Klartext reden und konsequent handeln sind wichtige Eigenschaften, die ich zu schätzen gelernt habe.

Pater Samuel: Wie sieht die Zukunft der Provinz aus?

Pater Emeka: Die Mission der Provinz Europa bleibt unberührt. Ihre Zukunft sieht positiv aus. Wir Spiritaner der Provinz Europa bemühen uns inständig um die Weiterführung und die Erneuerung der spiritanischen Mission im Raum Europa. Wir tun dies in Zusammenarbeit mit den Ortskirchen und mit Menschen guten Willens. Wir haben Mitbrüder unter uns, die selbstlos Aufgaben fürs Gemeinwohl übernehmen. Sie bringen sich ein in der Pastoral, in der Verwaltung, im Dienst für die Mitbrüder und die Kommunitäten, in der Medienarbeit wie auch im Dienst an jungen Menschen. Wir sind aber auch eine Provinz, in der die große Mehrheit der Mitbrüder dem „dritten“ Alter angehört. Das bringt manche Herausforderungen mit sich. Unsere älteren Mitbrüder haben das missionarische Ideal gelebt, sei es in Europa oder anderswo. Sie sind Zeugen desmissionarischen Lebens und das Gedächtnis der Provinz. Sie verkörpern durch ihr Leben die Treue zur Berufung als Spiritaner. Es ist wichtig, dass sie ein angenehmes und friedliches Leben haben, entsprechend ihrem Alter und ihrer Gesundheit. Das ist eine der wichtigsten Aufgaben unserer Provinz: die Sorge um die älteren Mitbrüder. Trotz aller Höhen und Tiefen möchte ich unterstreichen: Ganz sicher gilt es, Herausforderungen anzunehmen, ermutigende Elemente zu sehen, die uns antreiben in einem Geist des Vertrauens. Wir müssen aufhören, den Kopf hängen und die Arme sinken zu lassen, und immer nur die Probleme zu sehen und das, was nicht läuft.

Pater Emeka besprengt Gottesdienstbesucher mit Weihwasser.

Pater Emeka besprengt Gottesdienstbesucher mit Weihwasser.

Pater Samuel: Woraus hast du Kraft geschöpft?

Pater Emeka: Ob wir alt oder jung, ob wir aktiv oder Mitbrüder im Ruhestand sind, wir müssen uns immer wieder auf die Initialzündung besinnen, die uns in Bewegung gesetzt hat, Spiritaner zu werden. Daraus schöpfe ich Kraft. Da ich weder gesucht noch danach gestrebt habe, Provinzial zu werden, habe ich meinen Dienst im Lichte des Vertrauens verstanden, das mir zweimal geschenkt wurde. Dafür bin ich dankbar.

Pater Samuel: Was wünschst du deinen Mitbrüdern in Deutschland und in Belgien?

Pater Emeka: Papst Franziskus ermutigt uns in seinem Rundschreiben „Freude des Evangeliums“ dazu, das Herz zu öffnen, den Blick zu weiten und mehr Mut zur Zuversicht an den Tag zu legen. Wir haben das notwendige Handwerkszeug, das scheinbar Unüberwindbare in unserem Leben, das, was uns „beugt und lähmt“, anzupacken und zu überwinden. In diesem Sinne wünsche ich meinen Mitbrüdern den Mut zur Zuversicht! Nicht zuletzt wünsche ich auch meinem Nachfolger, dass er sich von den Mitbrüdern getragen fühlt. Gerne würde ich ihm mit Rat und Tat zur Seite stehen, wo er mich braucht.

Pater Samuel: Wie geht es für dich weiter?

Pater Emeka: Ich werde dem Orden weiterhin zur Verfügung stehen. Ich bin überall einsetzbar, wo ich gebraucht werde. Zunächst aber möchte ich mir eine Sabbatzeit gönnen und eventuell meine philosophischen Kenntnisse auffrischen.

* Dieser Text ist ein Auszug aus der Missionszeitschrift, Kontinente der Spiritaner, Ausgabe IV/2018.

Autor: Patres Samuel Mgbecheta, CSSp und Emeka Nzeadibe, CSSp

 
 

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