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Wenn Missionare Hoffnungsbringer werden

09.05.2018

Die Arbeit, die die Spiritaner tun in Mobaye, ist eine Arbeit der Neugründung und des Wiederaufbaus in jedem Sinn des Wortes. In Mobaye fehlt es an allem. Alles muss wieder aufgebaut werden. In dieser hoffnungslosen Situation sind unsere Mitbrüder Zeichen der Hoffnung geworden. Sie machen alles: Pastoren, Seelsorger, Humanitäre, Erzieher, Krankenpfleger und Gesundheits Hilfskräfte.

Mitglieder der Gemeinde Bandou nach einem Gottesdienst.

Mitglieder der Gemeinde Bandou nach einem Gottesdienst.

Ein Land im Zentrum Afrikas

Die zentralafrikanische Republik (oder Zentralafrika) ist ein Land, das geographisch gesehen im Zentrum Afrikas liegt. Das Land hat eine geschätzte Bevölkerung von fünf Millionen Einwohnern auf einer Fläche von ungefähr 623 000 km2 Es betrachtet sich als die Wiege der Bantu-Stämme. Es ist umgeben im Westen von Kamerun, im Norden vom Tschad, im Osten vom Sudan und vom Südsudan und im Süden von der Demokratischen Republik Kongo und von der Republik Kongo.

Die Republik Zentralafrika verfügt über zahlreiche natürliche Ressourcen, vor allem Uran, Gold, Diamanten und Erdöl, sowie Wasserkraft zur Stromerzeugung. Sie ist außerdem ausgestattet mit reichen Urwäldern, die in der Mehrzahl noch nicht ausgebeutet sind. So hat das Land solche natürliche Rohstoffe, dass es keinerlei Grund gibt, arm und unterentwickelt zu bleiben.

Und doch besteht die Tragik genau darin, dass Zentralafrika ein unterentwickeltes Land bleibt, das geprägt ist von jahrelangem Krieg, Gewalt und Rebellion. Die staatliche Zentralregierung ist ausgesprochen schwach, ihre Autorität wird dauernd in Frage gestellt. Sie hat nicht die Mittel, die ihrem Ehrgeiz entsprechen, und hängt sehr von der auswärtigen Hilfe durch Nichtregierungsorganisationen ab, von Geldgebern und besonders von den Vereinten Nationen, um eine Art Staat zu garantieren. Noch mehr, das Land bildet ein Spielfeld für einige ausländische Mächte, die sich Zentralafrika als ihr Jagd-Revier erhalten wollen.

Was mich bei meinem Besuch beeindruckt hat, ist die massive Präsenz der Soldaten der MINUSCA (die multilaterale Mission der Vereinten Nationen für die Stabilisierung Zentralfrikas). Sie intervenieren in Zentralafrika im Bereich der Aufrechterhaltung des Friedens. Man sieht diese Blauhelme überall.

Pater Emeka und die Mitbrüder, die in Bangui arbeiten, trafen sich bei der wöchentlichen Zusammenkunft der Spiritaner.

Pater Emeka und die Mitbrüder, die in Bangui arbeiten, trafen sich bei der wöchentlichen Zusammenkunft der Spiritaner.

Ankunft

Am 17. April in Zentralafrika angekommen, habe ich zuerst einige Tage in der Hauptstadt Bangui verbracht und dann in Mobaye, dem Hauptort der Präfektur Basse-Kotto. In Bangui wurde ich empfangen vom Provinzial P. William Docteur und von anderen Spiritanern, die in Bangui arbeiten. Ich bin rund gefahren durch alle Kommunitäten und alle Orte, wo unsere Mitbrüder sich einbringen. Ich hatte auch die Gelegenheit, am wöchentlichen Wiedersehen der Mitbrüder in Bangui teilzunehmen. Das war ein wichtiger brüderlicher Augenblick, einer der Höhepunkte meines Besuches.

Nach drei Tagen begab ich mich mit dem Flugzeug der UNHAS nach Mobaye für einen Aufenthalt von einer Woche. Der Flugplatz von Mobaye musste vor der Landung und vor dem Start unseres Flugzeugs gesichert werden. In Mobaye lebt und arbeitet unser deutscher Mitbruder Olaf Derenthal. Er lebt in Gemeinschaft mit einem jungen spiritanischen Diakon, Prince. Mobaye liegt am rechten Ufer des Oubangui-Flusses, gegenüber von Mobayi-Mbongo in der demokratischen Republik Kongo. Mit Olaf habe ich Mobaye von einem Ende bis zum andern durchquert. Wir haben uns auch nach Bandou begeben, einer Kapelle, die zwanzig Kilometer entfernt liegt. Dieser Ort hat zahlreiche Massaker erlebt. Der Katechist Faustin hat auf einen Schlag fünf Mitglieder seiner Familie verloren. Diese Kapelle war total ausgeraubt und hatte seit einem Jahr keine Zelebration mehr beherbergt. Aus Anlass der Zusammenkunft der Legio Mariens fand die Wiedereröffnung der Kapelle statt. Wir wurden dort mit Tanz und Gesang empfangen, dann haben wir mit der Gemeinde die Messe gefeiert. Es war eine wirklich lebendige Feier.

Am Tag darauf haben wir uns auch nach Penge begeben, einem Marien-Zentrum und Wallfahrtsort neun Kilometer von Mobaye entfernt. Das Zentrum war von einem niederländischen Mitbruder, P. Piet de Groot, gegründet worden, der dort unzerstörbare Spuren hinterlassen hat. Den Großteil meiner Zeit habe ich in Mobaye verbracht. Am Sonntag, dem 22. April, haben wir die Messe in der Pfarrei gefeiert, in der Kirche St. Joseph, mit einer lebendigen, singenden und tanzenden Gemeinde ! Ich bekam die Möglichkeit, einige Worte der Unterstützung und Ermutigung an sie zu richten. Nach der Messe haben wir mit den Mitgliedern der Kirchengemeinde gegessen.

Herzliche Aufnahme bei Ankunft.

Herzliche Aufnahme bei Ankunft.

Mobaye : Schauplatz mörderischer Auseinandersetzungen

In der Präfektur Basse-Kotto und besonders in der Stadt Mobaye ist der militär-politische Kon-text sehr komplex. Die Seleka-Rebellion hat diese Gegend berührt seit Anfang des Jahres 2013. Mobaye wurde dann zum Schauplatz mörderischer Auseinandersetzungen. Viele Leute haben ihr Leben verloren, die Häuser wurden niedergebrannt, die Bewohner mussten in den benachbarten Kongo fliehen, und überquerten in Massen den Bangui-Fluss. Die Rebellen wüteten in aller Straflosigkeit und der Terror herrschte in dieser Stadt, die in die Hände der Rebellen gefallen war.

Nach vier Jahren täglicher Schikanen, die die Bevölkerung über sich ergehen lassen musste, aber einer relativen Ruhe auf der politisch-militärischen Ebene, erfuhr Basse-Kotto ein neues Aufflammen der Gewalt ab Mai 2017. Alles hat begonnen in sehr gewaltsamen und zahlreichen Ausschreitungen, die gegenüber der Zivilbevölkerung von Alindao drei Tage lang begangen wurden.

Die Neuigkeiten haben Panik gestreut im ganzen Basse-Kotto. In Mobaye wurden die Rebellen immer agressiver. Neue Gruppen der « Antibalaka », das heißt von « Kontra-Rebellen, Gruppen der Selbst-verteidigung, die « Christen » wären, haben sich gebildet in den Dörfern der Umgebung und es gab gewaltsame Auseinandersetzungen zwischen den beiden Gruppen. Opfer waren zu beklagen unter der Zivilbevölkerung. So begannen die Leute, in die demokratische Republik Kongo zu fliehen. Aufgrund von sehr starken Drohungen gegen die katholische Kirche waren auch die Mitbrüder der Spiritaner-Kommunität von Mobaye gezwungen, in den Kongo zu fliehen. Sie wurden von Bischof Dominik Blamatari, dem Bischof von Molegbe, der kongolesischen Diözese gegenüber, aufgenommen. Er hat sein Haus geöffnet, um sie zu beherbergen. Von seiner residenz in Gbadolite aus haben unsere Mitbrüder begonnen und ihr pastorales und humanitäres Engagement bei den zentralafrikansichen Flücht- lingen weiterverfolgt.

Ein zerstörtes Haus wird wieder aufgebaut.

Ein zerstörtes Haus wird wieder aufgebaut.

Die Mitbrüder tun alles mit sehr wenigen Mitteln

Die Spiritaner-Kommunität und die katholische Mission sind umgeben von Seleka-Rebellen. Unsere Mitbrüder begegnen täglich diesen bewaffneten Rebellen, die sich in ihrer Nachbarschaft eingerichtet haben (ihr Hauptquartier befindet sich kaum 200 Meter von der Mission entfernt.) Kaum zwei Kilometer entfernt, ganz nahe der Präfektur, befindet sich die Basis der mauretanischen MINUSCA. Sie sind angeheuert, um den Frieden aufrechtzuerhalten, aber offensichtlich ist ihre Gegenwart nicht ab-schreckend genug. Viele Bewohner von Mobaye leben noch im Kongo und überqueren täglich den Oubangui-Fluss sogar mehrere Male täglich, um in die Schule zu gehen, Handel zu treiben oder aus anderen Gründen.

In dieser hoffnungslosen Situation sind unsere Mitbrüder trotz ihrer Zeichen der Hoffnung geworden. Sie machen alles: Pastoren, Seelsorger, Humanitäre, Erzieher, Krankenpfleger und Gesundheits Hilfskräfte. Sie haben Besuche gemacht bei zerstreuten Christen entlang des Flusses, auf kongolesischem Boden. Sie haben ihnen zugehört, sie ermutigt und unterstützt durch ihr Gebet und Eucharistiefeiern immer in enger Zusammenarbeit mit der Lokalkirche. Besonders haben sie gearbeitet im Bereich Gesundheit, um sich der Flüchtlinge anzunehmen, der Vertriebenen, der Opfer von Angriffen und Krieg. Seit anfangs Dezember 2017 hat sich eine militärpolitische Veränderung ergeben in der Präfektur von Basse-Kotto. Die zwei entgegengesetzten bewaffneten Gruppen, die Seleka und die Antibalaka haben ein « Ende der Feindseligkeiten » ausgerufen in Mobaye.

Diese Entwicklung hat die Gemeinschaft der Spiritaner bewegt, nach Mobaye zurückzukehren. Ihre Anwesenheit und ihr Einsatz sind geschätzt. Die Feuerpause hält in Mobaye und Umgebung. Trotzdem bleibt die Situation fragil, denn der kleinste Vorfall zwischen den beiden bewaffneten Gruppen beschwört die Gefahr herauf, dass das Land wieder unter Feuer gerät.

Während meines Besuches haben P. Olaf und ich die Stadt Mobaye durchwandert. Wieder und wieder haben wir die "Seleka und die Antibalaka" getroffen. Wir sind auf diese Chefs des Krieges zugegangen. Sie hatten ihre Kalaschnikows im Anschlag, wir haben mit ihnen geredet. Aber wie soll man reden mit diesen Leuten, die getötet, geraubt und vergewaltigt haben? Wer kann jemanden dazu bringen, zu gehen und ihnen die Hände zu schütteln? Selbst der Chef der Antibalaka, Lubangi, wollte mich überzeugen, dass sie ihr Land verteidigen und bat mich, ihn zu unterstützen. ! In der Einfachheit der waffenlosen Begegnung halten unsere Mitbrüder den Kontakt und die Verbindung mit ihnen aufrecht. Wenn diese Verbindung abreißt oder aufhört, droht das Schlimmste zu passieren.

Die Schüler des Gemeindekindergartens.

Die Schüler des Gemeindekindergartens.

Als wir eines Tages unterwegs zur Präfektur waren, kam uns ein 18jähriger Junge entgegen. Er hat uns seine Beschwerden gezeigt und um unsere Hilfe gebeten. In der Tat war er aus dem Kongo zurückgekehrt mit der Piroge und war von einer Gruppe Seleka-Rebellen angehalten worden, die seine Piroge und sein Gepäck beschlagnahmt hatten. Sie haben von ihm 500 Francs (etwa 75 Cent in Euro) verlangt, dann gäbe man ihm seine Sachen zurück. Der Junge hatte kein Geld. Man hat ihn in die Stadt geschickt, dort Geld zu suchen. Er hat sich uns genähert und uns seine Situation geschildert. Wir haben ihn begleitet bis zum Posten der Rebellen und wir haben mehr als eine halbe Stunde mit ihnen verhandelt, sie sollten den Jungen weggehen lassen. Die Rebellen kannten Olaf, aber mich kannten sie nicht. Sie haben mich dann gefragt, woher ich käme. Ich erklärte es ihnen. Einer von ihnen fragte mich, was ich ihnen als Geschenk mitgebracht hätte und ich sollte sie doch materiell unterstützen. Ich habe gesagt, dass ich nichts habe. Er entgegnete, dass ich doch wenigstens mein Hemd ihnen geben könnte ! Eine echt surrealistische Geschichte, aber wahr !

Seit Januar stellt man dank der Ankunft eines neuen Präfekten des Basse-Kotto, begleitet von sechs Unterpräfekten der Präfektur, eine fortschreitende Rückkehr eines Teils der Bevölkerung nach Mobaye und auch in die umliegenden Dörfer fest. Zwischen dreißig und vierzig Prozent der Bevölkerung wagen es nicht zurückzukehren und bleiben noch im Kongo. Diese Zurückgekehrten finden ihre Häuser total ausgeraubt und zerstört vor. Was die Rebellen nicht mitgenommen haben, ist schließlich vonTermiten kaputt gemacht worden.

Man muss unterstreichen, dass die Zusammenarbeit zwischen dem Unterpräfekten von Mobaye, Herrn Cyrille Lebangue und den spiritanischen Mitbrüdern ausgezeichnet ist. Ich hatte mehrmals die Möglichkeit, den Herrn Unterpräfekten zu treffen und lange mit ihm zu sprechen. Er besitzt keine Mittel, aber er hat keine Kälte in den Augen. Er setzt sich grundsaätzlichfü die Suche nach dem Frieden ein. Die katholische Mission stellt ihm das Fahrzeug der Mobilen Klinik für seine wichtigen Fahrten zur Verfügung. Man muss sagen, dass es nur drei Fahrzeuge in Mobaye gibt: das der katholischen Mission, das der MINUSCA-Beobachter der UNO und das, das dem Projekt der Gesundheitsfürsorge zur Verfügung steht.

Pater Emeka mit den Soldaten der Vereinten Nationen.

Pater Emeka mit den Soldaten der Vereinten Nationen.

Wiederaufbau der Herzen

Die Arbeit, die unsere Mitbrüder von Mobaye tun, ist eine Arbeit der Neugründung und des Wiederaufbaus in jedem Sinn des Wortes. In Mobaye fehlt es an allem. Alles muss wieder aufgebaut werden. Es bedarf dringender Hilfe für die Ausbildung der Katechisten, für den Wiederaufbau der Häuser, für die Wiedereröffnung der Schule und die Anstellung der Eltern-Lehrer, für den Wiederaufbau der sanitären Infrastruktur der Mobilen Klinik und des Transportes der Kranken ins Hospital von Gbadolite. Man braucht Medikamente, Nahrungsmittel und Heilmittel. Ein Projekt für den Unterhalt der Flüchtlinge ist nötig, ebenso eine Unterstützung materieller und geistiger Art für die Opfer der Rebellion in Mobaye. Die Pastoral kann hier nicht eine normale Pastoral sein. Man kann sich fragen: Muss man der Versöhnung eine Grenze setzen ? Wie kann man die Wunden derer verbinden, die durch Gewalt und Tod geschlagen wurden. Wie kann man einen Schein von Normalität wiedererstehen lassen, wo der der König ist, der eine AK47 hat ? Er kann machen, was er will : töten, vergewaltigen, stehlen. Man ist der Ruhe und des Friedens beraubt, der Mittel, des Wesentlichen, was man zum Leben und zur Entfaltung braucht.

P. Olaf und der Diakon Prince wie auch andere Spiritaner in Zentralafrika engagieren sich im Wiederaufbau der Herzen, des Lebens, der Wohnverhältnisse. Trotz des Wenigen an Ressourcen und Mitteln setzen sie sich ein, das Leben der ihnen anvertrauten Leute wieder aufzubauen, sowohl auf geistlicher, erzieherischer, materieller, sanitärer Ebene, kurz : auf jede Art. Sie bieten Kurse und Begleitung für die Jüngsten im Bereich der Erziehung zum Bürgersein und zum miteinander Leben. Sie wirken in der Ausbildung von Scouts, organisieren Camps, um mehr Begenung zu ermöglichen, mehr Austausch, Erziehung zum Frieden und zum Zusammenleben. Da berührt man die Jüngsten, ebenso von den Seleka wie von den Anti-Balaka, Christen, Muslime und Animisten, damit sie die Gewalt verlassen und sich für den Frieden einsetzen. Sie machen eine Kampagne der Sensibilisierung in Zusammenarbeit mit « Enfants sans frontiéres », einer nationalen Nichtregierungsorganisation, die von der UNICEF unterstützt wird. Man verteilt Schüler-Kits. Die Eltern, die alles verloren haben, haben nicht die Möglichkeit, das Schulgeld für ihre Kinder aufzubringen. Die katholische Mission streckt das Geld vor zur Bezahlung der Lehrer und die NRO « Enfants sans frontières » stellt die Erstattung sicher. Das ist eine missionarische Arbeit ersten Ranges, die es verdient, dass man sie von Grund auf unterstützt. Die Leute, die alles verloren haben, zeigen ihre Dankbarkeit!

Hier ein Einblick in die Situation. Ich bin der Zeuge dafür. Ich bin dankbar und voller Bewunderung für diese spiritanische Präsenz, deren Bedeutung man unterstreichen kann wie die von anderen Akteuren von Orden und Humanitären für das Wohl der Bevölkerung eines Landes, das auf bessere Tage hofft und die Hoffnung auf einen Frieden nicht aufgibt, der ganz leise sich aufrecht erhält, um eines Tages sich auszubreiten.

Pater Olaf Derenthal und der Diakon Prince mit dem Unterpräfekten von Mobaye, Cyrille Lebangue.

Pater Olaf Derenthal und der Diakon Prince mit dem Unterpräfekten von Mobaye, Cyrille Lebangue.

Autor: P. Emeka NZEADIBE, CSSp

 
 

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